Die Judengasse in der Altstadt von Trier
Die jüdische Gemeinde von Trier erlebte im Mittelalter glanzvolle Epochen und unvorstellbar grausame Zeiten. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Trier ist so beeindruckend, dass die Universität Trier inzwischen ein weltweit einmaliges Institut vorweisen kann: das „Arye-Maimon-Institut für die Geschichte der Juden“. Es beschäftigt sich ausschließlich mit der Entwicklung und Verfolgung der mitteleuropäischen jüdischen Gemeinden im Mittelalter.
In der verwinkelten Judengasse von Trier kann der Besucher zumindest optisch einen Eindruck davon bekommen, wie die Juden hier einst gelebt haben.

Die Judengasse – das Mittelalter lässt grüßen

Die Judengasse liegt etwas versteckt hinter dem Hauptmarkt, ist aber dennoch leicht zu finden. Von der Porta Nigra aus sind es nur 350 Meter stadteinwärts bis zum Hauptmarkt. Dort liegt rechter Hand die malerische Judenpforte – ein altes Haus mit Torbogen – mit der Aufschrift „Judengasse“. Unmittelbar dahinter beginnt die berühmte, schmale Gasse mit ihren weißen Häusern und schiefen Pflastersteinen. Links neben dem Tor steht ein Haus, das erbaut wurde und heute als Deutschlands ältestes, bis heute existierende jüdische Haus, gilt. Es hat die Adresse Judengasse 2. Gedenktafeln in der Pforte erinnern an das jüdische Leben im Mittelalter.

Die Judengasse war einst der Mittelpunkt des jüdischen Viertels, das sich zwischen dem Stockplatz und den beiden Gassen Jakobsstraße und Stockstraße bis hin zur Simeonstraße ausdehnte. An der Stelle, an der die verwinkelte Judengasse einen großen Bogen macht, lag früher der imposante Judenplatz. Heute ist er eng bebaut, nur ein paar Bäume erinnern daran, dass hier einmal das offene Zentrum des Judenviertels war.

In seiner Glanzzeit im 13. Und 14. Jahrhundert standen im Judenviertel 61 Häuser. Es gab eine Synagoge, ein Gemeindehaus und eine jüdische Schule. Heute liegen in den kleinen Gassen einige angesagte Restaurants und Pubs. Alle Häuser haben tiefe, gotische Keller. Unter einem der Häuser befindet sich sogar noch der Eingang eines Fluchttunnels, den verzweifelte Menschen im Mittelalter bauten. Die Fachwerkhäuser, die rechts und links der Judenpforte vom Hauptmarkt aus zu sehen sind, entstanden erst im 17. Jahrhundert, als die Juden nach der Tragödie des Mittelalters in die Stadt zurückkehren durften.

Mittelalterliches Ghetto

Die ersten Juden siedelten sich bereits in der Antike in dieser römischen Garnisonsstadt an der Mosel an. Ausgrabungen zeigen, dass Trier als erste deutsche Stadt eine eigene jüdische Gemeinde hatte. Die ersten schriftlichen Zeugnisse stammen jedoch aus dem Jahr 1066, als man Juden bezichtigte, den Bischof nach Zwangstaufen mit Zauberkräften ermordet zu haben. Etwa zur gleichen Zeit kam es zu den ersten Pogromen, bei denen vor allem die Frauen und Kinder ermordet wurden.

Die Judengasse - heute Kneipengasse No.1 in Trier

Die Judengasse – heute Kneipengasse No.1 in Trier

Die jüdischen Mitbürger Triers wurden trotzdem in den darauffolgenden Jahrzehnten recht erfolgreich. Jakob Daniels und sein Schwiegersohn waren im 13. Und 14. Jahrhundert Finanzberater von Balduin von Luxembourg, dem Bischof und Kurfürsten von Trier. Meister Simeon – ebenfalls ein Jude – war sogar sein Leibarzt. Die Bischöfe und Kurzfürsten von Trier förderten zeitweise gezielt die Zuwanderung von jüdischen Mitbürgern.

Juden, die aus Frankfurt vertrieben wurden, durften sich hier niederlassen. Der Grund: Die Fürsten von Trier waren hoch verschuldet und standen deshalb in ständigem Konflikt mit anderen Herrschen, die ihre Gelder eintreiben wollten. Urkunden belegen, dass jüdische Geldverleiher aus der Judengasse den Bischöfen immer wieder aus der Klemme halfen. In einer Chronik wurden sie als die „Botschafter des Bischofs“ bezeichnet. Dennoch war ihr Stadtviertel, das heute so romantisch wirkt, ein Ghetto. Es gab vier Tore, die nachts geschlossen wurden. Keiner durfte diesen Bereich in der Nacht verlassen, kein Jude durfte außerhalb des Ghettos leben.

Die Vertreibung aus der Judengasse

Anfang des 14. Jahrhunderts erlebte das Judenviertel eine glanzvolle Epoche. Ihr Ende war jedoch unvorstellbar brutal, nachdem in Trier 1348 erstmals die Pest ausgebrochen war. Immer wieder wurden die Juden beschuldigt, die Brunnen zu vergiften. Die ersten jüdischen Familien wurden 1349 vertrieben, die Ghetto-Regeln verschärft. Balduin von Luxembourg und sein Nachfolger – Erzbischof Boemund II. – versuchten, die jüdischen Mitbürger Triers zu schützen, aber der Mob schlug immer wieder zu.

Viele jüdische Familien zahlten Schutzgelder an den Bischof, aber es kam trotzdem zu erneuten Pogromen. Chroniken berichten von grausamen Hinrichtungen, bei denen Juden gepfählt, verbrannt oder in der Mosel ertränkt wurden. In den alten Schriften ist von der „Judenschlacht“ die Rede, wobei das Wort von „schlachten“ abgeleitet wurde. 1419 kam dann das völlige Ende. Allen Juden wurde das Wohnrecht in Trier untersagt, auch die letzten Familien mussten die Stadt ihrer Väter verlassen. Kaiser Karl IV. machte den Bischof von Trier zum Erben aller jüdischen Besitztümer in der Stadt.

Erneuerung in der Renaissance

Anfang des 17. Jahrhunderts durften sich einige jüdische Familien unter strengen Auflagen in Trier erneut niederlassen. Das Judenviertel wurde umgebaut, die prachtvollen Fachwerkhäuser stammen aus dieser Zeit. Allerdings entstand kein Ghetto mehr – die neu zugezogenen jüdischen Familien ließen sich im ganzen Stadtbereich nieder. Zeitweise erlebte die Gemeinde einen neuen Aufschwung. 1851 entstand an der Metzelstraße – nur Hundert Meter von der alten Judengasse entfernt – eine neue, prachtvolle Synagoge. 1871 erhielten die Juden Triers schließlich ihre vollen Bürgerrechte.

Das dritte Reich – das Mittelalter kehrt zurück

1933 lebten in Trier 796 jüdische Mitbürger. Die Nazis erstellten Listen von Geschäften, die jüdischen Familien gehörten und riefen zum Boykott auf. 99 Läden standen auf der Liste. Da viele Trierer sich weigerten, dem Boykott zu folgen, begannen die SA-Leute und Nazis, die Geschäfte gezielt zu zerstören. Die 1851 erbaute Synagoge wurde in der Reichspogromnacht im November 1938 verwüstet.

Fast der Hälfte der jüdischen Bevölkerung gelang die Flucht. Nach 1941 fielen trotzdem noch 450 jüdische Mitbürger in die Fänge der Nazis und wurden deportiert. Sie wurden am Bischof-Korum-Haus zusammengetrieben und weggebracht. 40 Juden begingen vor der Deportation Selbstmord. 322 Namen von ermordeten jüdischen Mitbürgern sind namentlich bekannt. Unter den Toten war auch der letzte Oberrabbiner Triers.

Trier und die Erinnerung

Zwanzig deportierte Juden kehrten nach 1945 nach Trier zurück und halfen dabei, eine neue jüdische Gemeinde aufzubauen. An der Stelle, an der die 1938 zerstörte Synagoge stand, erinnert heute eine Metallsäule an die Schrecken der Nazi-Zeit. Eine weitere Gedenktafel in der Weberbachstraße erinnert an die Synagoge, die von den jüdischen Bürgern Triers bis 1859 benutzt wurde.

Am ehemaligen Bischof-Korum-Haus in der Rindertanz-Straße erinnert eine Tafel an die Deportation. Außerdem finden Besucher in der gesamten Stadt über 160 Stolpersteine. Sie zeigen, dass die jüdischen Familien nach dem Mittelalter überall gewohnt haben – nur nicht in der Judengasse, denn die Geschichte dieser berühmten Gasse endete bereits vor 600 Jahren.

 

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